Das mit dem Alleinereisen mache ich schon seit vielen Jahren allzu gerne. Zumeist zur Regeneration, physisch wie psychisch. Und mal ehrlich, ein Kerl wie ich, der den ganzen lieben langen Tag daher und dahin und vor sich hinplappert, dem steht es gut zu Gesicht, ein paar Tage auch mal die Stille erleben zu dürfen, bzw. mal das Maul zu halten.
Dass ich mir heuer ein Allinclusive Hotel mit rund 600 Gästen, zumeist deutscher Herkunft, ausgesucht habe, das alleine kann man jedoch als spannend bis abenteuerlich bezeichnen. Mein Masterplan war ganz einfach: einige Wochen hier in Costa Calma auf Fuerteventura, zum „Runterkommen“ und dann „hoch“ nach Lanzarote in mein recht einfaches Apartmenthotel, vornehmlich von geselligen Festlandspaniern heimgesucht, zum „Zukunft basteln“.
Dass hier auf Fuerte von den rund 600 Gästen gut und gerne immer mindestens 400 das Restaurant belagern und zwar zu jeder Tages und Nachtzeit ist unter Umständen den Gepflogenheiten der Allinclusive Insassen geschuldet. So betrat ich also gestern diese Bahnhofshalle mit dem Geräuschpegel des Frankfurter Flughafens zur rush hour. Laut – laut - ist so ein schönes Wort. Es gibt Laute von sich – und viele Leute viele Laute. Aber warum müssen sich denn Menschen beim Abendessen dermaßen anbrüllen? Und warum rücken sie nicht einfach die Tischchen zusammen, anstatt voller Inbrunst, bis auch die letzten Gesichtsäderchen platzen, zum Nachbartisch hinüber zu schreien, dass der Fisch heute schon wieder zu trocken ist? Gut, vielleicht sollte ich erläutern, dass von den mindesten 400 Gästen zumindest 300 jenseits der 100 sind und dadurch vielleicht Geräusche nichts anderes als willkommene Schallwellen dienen, die die Betagten darin bestärken, dass sie noch im Leben verweilen. Ich weiß es nicht. Aber ich bin gut erzogen. Und wie immer mache ich das Beste daraus. Also ab zur sogenannten Salattheke, schaufeln mit Bedacht und dann spähergleich einen freien Tisch im Menschenstühlegeschirrtischelabyrinth ergattern. So setze ich mich an einen Zweiertisch, direkt neben zwei junge Spanierinnen, die mich natürlich keines Blickes würdigen. Ist ja auch nachvollziehbar. Die jungen Frauen haben sich bestimmt auch etwas anderes von ihrem Urlaub erwartet, als Abend für Abend in einem überfüllten Altersheim essen zu müssen. Ich stelle den Salat ab, kämpfe mich erneut durch die Autobahn an Hungerleidenden hindurch, ein wenig Schweinefleisch, ein paar Kanarische Kartöffelchen mit mojo rocho, dann noch ein Gläschen Bier und alles fein ordentlich auf dem Tischchen drapiert. Somit zeige ich dem professionellen Touristen und vor allem dem Servicepersonal: Deutsch. Gesittet. Macht keinen Ärger. Putzt sich den Mund selber ab.
Und selbstverständlich, wie es sich gehört, lange Hose und mein bestes Hemd. So habe ich das gelernt und so setze ich mich schwungvoll voller Vorfreude auf die Speisung, stoße gegen den Tisch und vollbringe es nur mit Mühe und Not, dass sich mein Bierglas nur zur Hälfte über den Tisch ergießt. Die eine Spanierin schaut zu mir rüber. Ich lächle etwas verlegen. Sie kaut an einer grünen Bohne ohne eine Miene zu verziehen. Einfaches, nahezu meditatives Kauen. Auf einer Bohne, grün.Selbstverständlich trägt sie zu ihrem wallenden Sommerkleidchen kunterbunte Cowgirlstiefel. Wirklich adrett. Als ich noch jung und munter war, erschmachtete ich Frauen mit frechen Kleidern und hohen Schnürboots. Zu meist Docks. Ich liebte schon immer diesen Widerspruch. Sei`s drum, es kaute und ich hatte allerlei mit den Stoffservietten zu tun, um dieses Ungeschick wieder halbwegs ins Reine zu bringen. Dann widmete ich mich dem wirklich schmackhaften Schweinebraten. Nicht wie gewohnt in Scheiben geschnitten, sondern in zerfallende Brocken serviert und in einer recht interessanten, jedoch geschmacklich undefinierbaren Soße schwimmend.
Das schöne am Alleinereisen ist ja, dass man alleine reist. Aha.Und es gibt auch nur eines, was mich daran immer stören wird: Alleine in einem guten Restaurant mit atemberaubenden Ambiente zu essen ist schlicht für die Katz. Es ist für mich einfach kein Genuss. Gutes Essen als gesellschaftlicher Akt muss für mich auch in Gesellschaft stattfinden. Daher hatte ich auf der anderen Seite nie etwas gegen dieses Mensaessen in den Hotels und betrachte es eher unter dem Aspekt der „Fütterung“, bei der ich noch mit Freude meine Mitmenschen beobachten kann.
So schweifen also meine Blicke nach ein paar Häppchen in die nahe Ferne und sehe, wie mich zwei Tische weiter ein Mann beobachtet. In Gesellschaft. Ein luftiges Blumenkeid mit Sandaletten mit hohem Blockabsatz aus Kork mit Leinen überzogen, saß ihm willig gegenüber und stocherte stoisch in ihrem Essen. Unsere Blicke trafen sich und wie ich den Herrn begutachte, nimmt er sich die große Stoffserviette vom Tisch und stülpt und stopft sie über sein überweißes Hemd. Soso. Einer von der ganz gesitteten Sorte. Und wie wir uns so betrachten wurde es offensichtlich, dass der gute Mann schlicht den Gegenpart meiner eigenen Persönlichkeit repräsentierte.
Er hatte Haare. Und es war ihm bewusst. Ein deutsches Alphamännchen, um die Sechzig, trainiert, erfolgreich gebräunt sitzt er kerzengerade am Tisch und zeigt aller Welt, was Esskultur für Eingeweihte wirklich bedeutet. Wahrscheinlich trug er barfuß irgendwelche Velours Markenloafer, mit diesen Bömmelchen oben drauf. Ich konnte es leider nicht sehen, aber nahezu spüren, dass er diesen männlichen Unschuh stolz zur Schau trug. Hach, was bin ich heute wieder leger und locker. Technisch ist diese Mokassinabart ja ok, aber welcher wahnsinnige Wirrkopf kam jemals auf die Idee, diese nutzlosen Restfransen draufzunähen. Goldene Glöckchen, gut, das könnte ich ja noch verstehen. Als Warnung für alle Normalsterblichen, dass der behaarte Halbgott gleich wieder erscheinen würde. Aber tote Tierhäute? Als Trophäenersatz oder was?
Nach wenigen Momenten des sich gegenseitig Abschätzens war klar, dass ich ihm sein Revier nicht streitig machen würde. Weder was Esskultur, Blümchenkleider oder Haartracht anbelangte. Einfach andere Liga, trotz desselben Hotels.
So widmete ich mich um so fleissiger meiner eigenen guten Erziehung und speiste und speiste, bis mir auffiel, dass ich schon jetzt, nach wenigen Bissen mein bestes Hemd vollkommen verkleckert hatte. Böse Fettflecken, drei große und viele kleine Spritzerchen hatten sich auf dem leicht hellbläuchlichen Stoff verteilt und zeigten schamlos der ganzen Welt die ungeschminkte Wahrheit: Der Kerl kann nicht mal richtig essen. Kurz war ich versucht die noch feuchten Stoffservietten zum Putzen zu benutzen, aber irgendeine alarmierte innere Stimme hielt mich davon ab. So aß ich zu Ende und stand auf, um mir einen Nachtisch, zwei Kügelchen Eis zu holen. Wieder hakte der Stuhl und mit einem lauten Gequietsche befreite ich mich aus diesem Mobiliar und stand mannesgleich kerzengerade und betrachtete nur kurz mein Hemddesaster, wie auch meine nächste Umgebung mich betrachtete. Dabei entdeckte ich dass der Reißverschluss meiner Jeans komplett offen war. Eine gute Jeans, zum großen Teil aus recyceltem Material, biodramatisch sozusagen, nur das mit dem Reißverschlusshaken, naja, verbuchen wir es mal unter technische Verbesserungsmöglichkeit.
Ich stand also da, vor einem versüfften Tisch mit verkleckertem Hemd und offenem Hosenstall und war mir endlich mal wieder bewußt, wer ich bin. Nahezu stolz durchschritt ich den Speisesaal, mampfte drei Kugeln Eis und stand wenige Augenblicke später draußen, zündete mir eine Zigarette an und schaute hinauf zum beinahe vollem Mond. Und musste lächeln. Und – was soll ich sagen,endlich nach vielen, vielen Monaten lächelte er auch zurück.

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Ute (Freitag, 09 August 2024 17:11)
Hat mich zum Lachen gebrachtund ich konnte mit Dich bildlich vorstellen: mit etwas schiefem Grinsen :)